Mader im Atelier, um 1930

1932 noch galt Joseph Mader als Nachwuchshoffnung in der deutschen Malerei. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten endete jedoch sein Aufstieg. Ausgebombt lebte er nach dem Krieg in ländlicher Abgeschiedenheit und schuf jenseits der öffentlichen Wahrnehmung Bildgedichte von lyrischer Intensität.

Mir erschien immer das Wort von
Delacroix besonders schön:
„Wer Kunst sagt, sagt Dichtung,
es gilt, es gibt keine Kunst
ohne dichterisches Ziel“

Joseph Mader, 1961
Katze mit Schädel, 1952
Der Briefwechsel
mit dem Bruder
Bildnis Anton Mader, 1928

Mit seinem Bruder Anton verbindet Joseph Mader ein inniges Verhältnis. Die beiden tauschen sich ein Leben lang regelmäßig brieflich aus. Anton Mader studiert Botanik und ist in der Vorkriegszeit im Buchhandel tätig. Auch versucht er sich selbst als Dichter. Es kommt zu Veröffentlichungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg tritt er in den Schuldienst ein. Er beschäftigt sich intensiv mit geisteswissenschaftlicher Literatur und baut eine umfangreiche Bibliothek auf. Er glaubt fest an die Malerei seines Bruders. Ein Leben lang versorgt er Joseph mit Büchern und unterstützt ihn auch finanziell.

(…) Es ist schon so, wie Du schreibst, daß das Gewicht
dieser düsteren 5 Jahre Krieg gering erscheint gegenüber
jener Zeit des Wachsen- u. Reifenkönnens in der
beglückenden Geborgenheit unseres Elternhauses.
Diese Jugend war das Entscheidende u. wenn in der
Arbeit etwas gelungen wird, dann aus jenem Grund
heraus, der wie ein lichtes Märchenland versunken
in uns ruht voll frühlingshaften Glanzes u. leuchtendem
Dunkel. Dein Kuckuckslied schien mir auch voll jenes
Zaubers aus früheren Tagen, aus den
Kindheitsfrühlingen, in denen wir hineinhorchten
in die lichten blühenden Auen. Da mag Dir unbewußt der
raumhafte Zauber des Kuckuckrufes tief lebendig
geworden sein, der jetzt in dem Gedicht so
schön zum Ausdruck kommt. Merkwürdig, wie
ganz vertraut mir das
geklungen hat. (…)

Mader an seinen Bruder am 02.06.1946

Als der Bruder stirbt findet man auf dem Dachboden einen Karton voller Briefe. Niemand weiß, dass Anton Mader die Briefe seines Bruders aufbewahrt hat. Als die Briefe nach und nach entziffert werden, tut sich ein Kosmos auf. In den Briefen schildert Joseph seine Anfänge als Maler, berichtet seinem Bruder über die Schwierigkeiten als unangepasster Künstler in der Zeit des Nationalsozialismus, lässt in den Nachkriegsbriefen die Atmosphäre der damaligen Zeit lebendig werden und äußert sich tiefgründig zu Literatur und Malerei. Die Briefe geben einen tiefen Einblick in sein künstlerisches Empfinden.

Anton und Joseph (rechts), 1930

Herkunft

Joseph (links) und Anton, 1910

Am 20. September 1905 wird Joseph Mader in Landshut geboren. Schon in seiner Kindheit zeigt sich eine außergewöhnliche zeichnerische Begabung und eine ausgeprägte Liebe zur Lyrik. Seine Lieblingsgedichte schreibt er in Hefte und lässt sich von deren Klang und Rhythmus verzaubern.

(…) Meine Eltern wohnten in der Gabelsbergerstr. 34
die damals mit ihren letzten Häusern unmittelbar
an das freie Gelände grenzte.
Unserer Wohnung gegenüber lagen die Isarauen,
die in meinen Jugendjahren noch sehr ursprünglich
gewesen sind.
Die Eindrücke aus jener Zeit aus der freien Natur
wie auch aus dem Bereich der wunderbaren alten
Heimatstadt sind immer in mir als eine innere
Beglückung lebendig geblieben.
Vieles, was sich stofflich in meinen
Arbeiten darbietet,
geht auf Eindrücke dieser Jugendjahre zurück. (…)

Mader an Josef Deimer (Ob d. Stadt Landshut) am 14.09.1975

Der Vater ist Volksschullehrer an der Landshuter Nikolaschule. Er ist gesellig, singt im Kirchenchor und entwickelt mit Eifer ein pädagogisches Lernspiel für Kinder. Seine Söhne erzieht er zu kulturell aufgeschlossenen Menschen. Die Mutter ist Hausfrau und lebt zurückgezogen sich um das Wohlergehen der Familie sorgend. Von ihr erbt Joseph die Liebe zur Poesie und den Sinn für das Schöne. Die liebevolle Führung der Eltern, der fromme Glaube der Mutter und die Kindheitserlebnisse führen bei Joseph zu einer tiefen Religiosität. In ihr wurzeln die zeitkritischen Kommentare seiner Briefe ebenso wie seine Naturauffassung, die den Gemälden der Reifezeit ihre Tiefendimension verleihen.

Anna und Lorenz Mader (Eltern)

Blick vom Huberanwesen über die Isar auf die Burg Trausnitz

Josephs Mutter entstammt einer alten Landshuter Unternehmerfamilie, den sog. Länd-Huber. Sie sind seit Jahrhunderten als Holzhändler und Fischer in Landshut ansässig. Joseph wächst in unmittelbarer Nachbarschaft des großen Firmenanwesens, eingebettet in einem harmonischen Familienverband, wohlbehütet auf. Mit seinem Bruder und seinen Cousins, die später alle eine botanisch-akademische Laufbahn beschreiten, unternimmt er Ausflüge an den Kollerweiher, einem Eisweiher der Landshuter Brauerei Koller. Das Huber-Anwesen und die angrenzenden Isarauen werden für ihn ein Leben lang das Traumland seiner Kindheit bleiben.

Studium
in München
und Köln
Bärentreiber, 1928

Ein Brief aus Köln! Es steigen Erinnerungen auf an
schöne Jahre.
(…) Ich war schon in München an der Kunstgewerbeschule
sein (Riemerschmids) Schüler und war dann nach
meiner Übersiedlung nach Köln eine Zeitlang in
seiner Klasse an den Werkschulen. Da ich eine
Ausbildung als Maler anstrebte u. damals
Prof. Ahlers-Hestermann an die Werkschulen kam,
wechselte ich in dessen Klasse über (…)

Mader an Dr. Rüdiger Joppien (Kunsthistoriker) am 02.05.1982

Richard Riemerschmid, um 1920/30

1921: Der Münchner Architekt und Jugendstilkünstler Richard Riemerschmid wird Josephs Lehrer an der Münchner Kunstgewerbeschule. Als er Direktor an den Kölner Werkschulen wird, setzt er sich für ein Stipendium Joseph Maders ein. Später wird er ein väterlicher Freund bis zu dessen Lebensende.

(…) Schönen Dank für die freundlichen Wünsche
und für die reizende Zeichnung,
die sie mitgeschickt haben!
Die macht mich erst recht begierig mehr zu sehen. (…)

Riemerschmid an Joseph Mader am 09.01.1927

In Köln folgen Jahre voll intensiven Arbeitens und Aufnehmens. Die Reformbestrebungen der Werkschule tragen reiche Früchte. Es kommt zu ersten Ausstellungen von Arbeiten Maders. Die Zeitschrift „Jugend“ veröffentlicht Zeichnungen. 1931 wird er zum Meisterschüler der Kölner Werkschulen ernannt. Er wird Mitglied im Deutschen Künstlerbund und beteiligt sich in den Jahren 1931 bis 1933 an deren Ausstellungen.

 Mader (links) an den Kölner Werkschulen, 1928

Riemerschmid setzt an den Kölner Werkschulen die nach dem Ersten Weltkrieg an vielen Akademien praktizierte Gepflogenheit durch namhafte moderne Künstler zu berufen und so Qualität und Ansehen der Schule zu steigern wie gleichzeitig modernes Gedankengut in die Hochschulen einzuschleusen. So gelingt es in Frankfurt Fritz Wiechert, Max Beckmann zu gewinnen, nach Dresden beruft man Kokoschka, später Otto Dix. Für die Kölner Werkschulen kann Riemerschmid Friedrich Ahlers-Hestermann verpflichten.

Friedrich Ahlers-Hestermann

Der Hamburger Maler und Kunstschriftsteller Friedrich Ahlers-Hestermann wird Maders Lehrer an den Kölner Werkschulen. Durch Ahlers-Hestermann, der u.a. in Paris bei Henri Matisse studierte, lernt Mader erstmals den Kubismus und die französische Malerei näher kennen. Es kommt zu einer intensiven Auseinandersetzung mit der französischen Moderne. Die Erfahrungen aus dieser Zeit werden seine Malerei nachhaltig prägen und seinen eigenen künstlerischen Ausdruck im Nachkriegswerk finden lassen: Eine Verschmelzung des Kubismus mit einer aus feinster Farb- und Formdifferenzierung komponierten Bildlyrik.

(…) Diese Ihre fast asketische Charakterfestigkeit
habe ich immer sehr an Ihnen geschätzt, lieber
Mader, mehr als ich es vielleicht gesagt habe, und
sie gibt auch allem was Sie machen, den Stempel
der Echtheit. (…)

Ahlers-Hestermann an Mader am 04.03.1932

Der Aufstieg
Liebespaar (Frau mit Maske), 1931

Nach Abschluss seines Studiums zieht Joseph im Jahr 1932 zurück nach München. Dort lässt er sich zunächst in Schwabing und dann in einem Atelier in München-Neuhausen als freischaffender Maler nieder.

(…) Mit Freude habe ich die Worte gelesen,
die Hausenstein über Ihre Ausstellung
schrieb. (…)

Ahler-Hestermann an Mader am 04.03.1932

Die Ausstellung
in der GalerieGünter Franke

Der Münchner Kunsthändler Günter Franke, der später als wichtigster Unterstützer Max Beckmanns in die Kunstgeschichte eingeht und dem München eine der größten Beckmann Sammlungen der Welt verdankt, wird auf die Arbeiten Maders aufmerksam. Er sucht Mittel und Wege Josephs Kunst einem größeren Publikum bekannt zu machen. Er regt den Schriftsteller Konrad Weiß und den Münchner Verleger Reinhard Piper zu einem Atelierbesuch an und bewegt den Leiter des Lenbachhauses Eberhard Hanfstaengl zum Kauf eines Gemäldes.

Günther Franke vor einem Selbstbildnis Max Beckmanns, 1942
Bayerische Staatsgemäldesammlungen

(…) Franke hat sich, wie er sagte,
in letzter Zeit sehr mit meinen Arbeiten
beschäftigt. Er hat mir auch tatsächlich
sehr gute Dinge über sie gesagt, so dass ich
erstaunt war. (…)

Mader an seinen Bruder am 22.01.1932

Blick in die Ausstellung bei der Galerie Franke, 1932

Schon 1932, kaum dass sich Mader wieder in München befindet, entschließt sich der Münchner Galerist in politisch bereits turbulenter Zeit und trotz finanziell schwieriger Lage zu einer Ausstellung zusammen mit Maders Künstlerfreunden, dem Maler Max Wendl und dem Bildhauer Fritz Müller. Im März 1932 wird die Ausstellung eröffnet. Sie findet enorme Beachtung.

(…) Josef Mader (…) scheint mit Max Beckmann
in einer idealen Verbindung zu stehen.
Schon dies, dass er als einer der wenigen
den Mut hat, dieser stärksten Malerbegabung
des jüngeren Deutschlands entgegenzugehen,
ist ein Ausweis kräftiger Initiative. (…)

Wilhelm Hausenstein in der Münchner Telegramm Zeitung vom 02.02.1932

Das Leben in München

Auch Reinhard Piper wird ein Unterstützer Maders und erwirbt mehrere Arbeiten von ihm. Mader liegt Reinhard Piper insofern nahe, als dass er von der Graphik und Zeichnung her kommend, eine besondere Vorliebe von Piper bedient. Denn als „Mensch der Linie und des Schwarz-Weiß“ sind Buchholzschnitte der alten deutschen Meister bis hin zu großen Werkkomplexen von Beckmann, Barlach und Kubin Schwerpunkte seiner Sammlung. Und auch am Anfang einer der großen Programmschriften der Moderne steht bei Piper die Ausein- andersetzung mit der Graphik. Er kauft von Franz Marc eine Lithographie und es kommt so zur Bekanntschaft zu Marc, Macke und Kandinsky. Piper tauscht sich mit den Künstlern intensiv über die neuen Ideen in der Kunst aus und publiziert schließlich 1912 den „Blauen Reiter“. Auch zwischen Mader und Piper entwickelt sich ein reger Austausch. Piper besucht Mader in seinem Atelier und versorgt ihn mit Büchern. Mader wird durch die Begegnung mit Piper zur Malerei von Hans von Marees geführt. Das nimmt nicht wunder, hat doch Piper die kunsthistorische Entdeckerarbeit des Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe publizistisch begleitet. Marees wird auch für Beckmann und die Künstler des Blauen Reiters zur Inspirationsquelle.

Bildnis Reinhard Piper von Max Beckmann

(…) Nun, Piper war gestern wieder sehr nett,
hat mich zum Abendessen in die Stadt
eingeladen und wir haben uns
dann recht angeregt unterhalten.
Sein Verlag hat auch schwer zu kämpfen. (…)

Mader an seinen Bruder am 29.06.1932

Im Stall, 1930,
Städtische Galerie im Lenbachhaus
Die dunklen Jahre
Mythologische Szene, um 1936

(…) Es ist mir ja aufrichtig leid, dass gerade
Sie und ein ganzer Kreis junger
aufstrebender Künstler in München
so wenig Resonanz finden und dass
leider auch die Städtische Galerie als Betreuer
dieser Dinge ausfällt. (…)

Hanfstaengl an Mader am 22.11.1934

An der Schwelle
zur Kunstdiktatur

Nationalgalerie Berlin, 1935

1934: Eberhard Hanfstaengl wird zum Direktor der Nationalgalerie in Berlin ernannt. Er hält aber weiter Kontakt zu Mader und möchte ihn dem Berliner Publikum bekannt machen. Mit der Galerie Nierendorf steht er im Austausch, um Ausstellungsmöglichkeiten für Mader auszuloten. Aber die Bedrängnisse der aufziehenden Kunstdiktatur machen das Vorhaben unmöglich. Für die Nationalgalerie kann er Maders Zeichnung „Begegnung“ nach einer Ballade von Heinrich Heine erwerben. Sie gilt seit 1945 als vermisst. Für seine Privatsammlung erwirbt Hanfstaengl das Gemälde „Die Gelben Vögel“.

(…) Es ist wenig, was ich Ihnen heute
sagen kann, aber seien Sie versichert,
dass ich immer mein Möglichstes
tue, auch für Sie in München zu wirken. (…)

Hanfstaengl an Mader am 22.11.1934

Im Jahr 1937 schließlich wird Eberhard Hanfstaengl von Joseph Goebbels wegen zu gemäßigter Kunstauffassung entlassen. Damit verliert Mader einen wichtigen Förderer seiner Kunst.

Eberhard Hanfstaengl

(…) „Die Hoffnung, durch die eigene persönliche Arbeit
Erfolg zu haben, kann man zunächst
unter den gegenwärtigen Umständen ruhig aufgeben. (…)
Eine furchtbare Zeit, das Geschehen
in ihr von einer unentrinnbaren
Zwangsläufigkeit, weil die Menschen
insgesamt innerlich arm geworden sind,
die Glaubens- und Gestaltungskräfte erloschen
sind und deshalb alles der
Organisation des Außen sich zuwendet.“ (…)

Mader an seinen Bruder am 09.06.1939

Mader im Nationalsozialismus
Judaskuss, 1937

(…) Wenn nun wirklich ein ganz
unpersönliches, seelenloses Können gefördert
wird, so bedeutet das eben den Tod für die echte, aus der
einmaligen und persönlichen Empfindung kommende
Kunst. Welche Zeiten sind das, wo solchen Grund-
wahrheiten derart ins Gesicht geschlagen wird! Aber
eines ist sicher: wer nicht immer sich bemüht, zur
Wahrheit zu gelangen, sondern wer Macht und Meinung
und Zustimmung der Menge höher schätzt, der
ist schon gerichtet, der hat sich schon von dem Grund
entfernt, der der eigentlich menschenwürdige ist. (…)

Mader an seine spätere Ehefrau Cäcilie am 21.07.1937

Haus der deutschen Kunst München

Mader versucht im neuen System als Künstler zu überleben. Immer wieder sendet er Arbeiten zu Ausstellungen ein. Immer wieder wird er abgelehnt. Bis er schließlich aufgibt. Er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück. Sein Überleben sichern Kirchenaufträge im niederbayerischen Raum.

(…) Wir waren zusammen auch in der
neu eröffneten Ausstellung
im Haus der Kunst u. haben wieder
konstatieren können wie bis auf
ganz wenige Ausnahmen die
zwar technisch routinierten,
aber völlig empfindungslosen,
unkünstlerischen Dinge vorherrschen. (…)

Mader an seine Mutter am 20.07.1939

Mader versucht im neuen System als Künstler zu überleben. Immer wieder sendet er Arbeiten zu Ausstellungen ein. Immer wieder wird er abgelehnt. Bis er schließlich aufgibt. Er zieht sich aus dem öffentlichen Kunstleben zurück. Sein Überleben sichern Kirchenauf- träge im niederbayerischen Raum.

Cäcilie und Joseph Mader, 1941

In den folgenden Jahren des Krieges kommt seine Malerei weitgehend zum Erliegen und sein Gestaltungsdrang beschränkt sich notgedrungen auf die Formulierung seiner Gedanken zum Wesen künstlerischen Tuns.

1941 wird Mader als Sanitäter in Freising stationiert. In seinen Briefen spiegelt sich die Spannweite seiner Gedanken: Düstere Betrachtungen zum Zeitgeschehen stehen neben lyrischen Naturschilderungen, die ihm weite Wanderungen oder Erinnerungen eingeben. Am Kriegsende wird Mader von den Amerikanern gefangen genommen und nach dreiwöchigem Aufenthalt in verschiedenen Lagern schließlich von Regensburg aus entlassen. Er wandert am Pfingstsamstag durch die Isarauen heimwärts nach Moosburg.

Blick auf das Siegestor München, 1945
Foto: Archiv US Army

(…) Man hält es einfach nicht für möglich, weißt Du,
wenn man sich von diesem erschütternden
Anblick nicht direkt überzeugen kann. Dabei war dieser
19. März ein wirklich wunderbarer Frühlingstag, wie sie in
München immer so herrlich gewesen sind. Welch
wunderbare Stimmung strahlte an solchen Tagen
immer der Hofgarten aus, dieser mit Frühlingsblumen
geschmückte Hang an der Galeriestraße hinunter zum
Englischen Garten. Und jetzt! Wohin man schaut
Zerstörung u. Untergang des Einstigen. Ein
Gericht vollzieht sich über das moderne Leben, in seiner
Unerbittlichkeit schwindet alles dahin. Was hilft alles
Klagen um unersetzliche Kulturgüter, wenn der Geist,
die lebendige Kraft, die einstmals diese Werke
erstehen ließ, erstorben ist? (…)

Mader an seinen Bruder am 31.03.1945

Ein neuer Aufbruch
Singender Vogel (Ruinenlandschaft), 1948

(…) Irgendwie ist eine große Müdigkeit u. Skepsis da
im Allgemeinen, kein gutes Zeichen u. die Seelen
bedürfen vieler Kraft, um wieder fruchtbar zu werden,
tätig zu werden in jenem Sinn, daß sie allezeit wach
u. bereit sind, die lähmenden Mächte der Finsternis
in ihre Schranken zu weisen. (…)

Mader an seinen Bruder 21.12.1945

Moosburg a.d. Isar, 1941
Bild: Karl A. Bauer Archiv

Beim letzten Großangriff auf München im Januar 1945 wird sein Atelier vernichtet. Seine Frau Cäcilie hat bereits Monate zuvor die Werke nach Moosburg in Sicherheit gebracht. Sie beziehen schließlich am Stadtrand von Moosburg ein kleines Haus, in dem sich Mader einen Arbeitsraum einrichtet. Im September wird ihr Sohn geboren. Die nördlich von München liegende Heimatstadt seiner Frau wird nun Maders Heimat bis zu dessen Lebensende.

(…) Was gäbe ich darum, Sie einmal in Moosburg
zu besuchen und mich mit Ihnen dort
gemütlich zu ergehen.
Aber dazu muss das Eisenbahnfahren erst
annehmlicher werden (…)

Reinhard Piper an Mader am 21.11.1945

Der Umzug nach Moosburg bedeutet für Mader einen Bruch. In der in den Nachkriegsjahren abgelegenen Klein- stadt umgibt ihn eine gewisse Einsamkeit. Als Künstler gilt er als Außenseiter. Viele beäugen seine Tätigkeit mit Skepsis und Verständnis- losigkeit. Ihm fehlen die intellektuellen Kreise und Kontaktmöglichkeiten der Kunststadt München. Gerne würde er wieder nach München zurückziehen. Die finanzielle Situation lässt dies jedoch nicht zu. Im Laufe der Jahre wird ihm Moosburg aber zur liebgewonnenen Heimat. Er genießt die Nähe zu Isar und Amper und auch die Moosburger zeigen in den späten Nachkriegsjahren großes Interesse an seiner Malerei. Es entstehen Kontakte und Freundschaften zu den Moosburger Bürgern.

Mader mit seiner Familie, 1948

(…) Es gibt nichts Schöneres für mich,
als mit meinen Farben vor den Leinwänden
zu stehen u. zu trachten, ihnen eine beständige
Harmonie zu verleihen (…)

Mader an seinen Bruder am 04.04.1946

Krötentümpel, um 1947

(…) An ihn (den Kollerweiher) erinnere ich mich
immer wieder besonders gern, hat er doch in unsern jungen
Frühlingstagen eine besondere Rolle gespielt.
Das Erleben des eisfreien Wassers, sein eindringlicher
Geruch, das Spiel der farbenfrohen Bitterlinge auf des
Weihers Grund, der Sonnenglanz auf Wasserfläche u.
angrenzendem Urbau, das sind die schlichten Elemente,
die doch die ganze Erlebniskraft so leidenschaftlich
gefangen genommen haben (…)

Mader an seinen Bruder am 04.04.1946

Vom Reichtum der Sichtbarkeiten
und der Liebe zu den Dingen
Nachtszene, 1952

(…) Ich bin ganz erregt vor manchen
Ihrer Bilder gestanden
freudig erregt und mit einem
Bedürfnis es auszusprechen.(…)

Riemerschmid an Mader am 21.05.1955

Ausstellung
im Lenbachhaus

Städtische Galerie im Lenbachhaus, um 1930

1955: Mit der Ausstellung im Lenbachhaus versucht Mader wieder an seine Vorkriegserfolge anzuknüpfen. Aber die weltpolitische Lage hat sich verändert. Der Kalte Krieg nimmt Einfluss auf Kunst und Künstler. Die beiden Weltmächte ideologisieren die Kunst. Fortan lebt Joseph Mader in Armut. Seine Familie kann er nur schwer durchbringen. Ein kleiner Kreis von Kunstinteressierten, die von der Gültigkeit seiner Malerei überzeugt sind, unterstützen ihn durch Ankäufe. Auch der Bruder unterstützt ihn, schickt Pakete mit Naturalien und erhält im Gegenzug Bilder. Mader macht die Situation schwer zu schaffen. Er wird von Depressionen geplagt und erleidet 1961 einen Schlaganfall.

(…) Der Reichtum der Sichtbarkeiten ist so unermeßlich u.
es ist wirklich nicht einzusehen, weshalb der
bildende Künstler auf ihn verzichten soll.
Im Gegenteil, ich glaube, daß die Liebe zu den Dingen u.
daraus entspringend der Wille zu einer überlegenen
Ordnung im Bild die Voraussetzungen sind, um etwas
von Beständigkeit zu leisten. (…)

Mader an seinen Bruder am 16.03.1948

Mader bleibt seinen künstlerischen Überzeugungen treu und geht trotz aller Widerstände unbeirrt seinen Weg. Von seiner Kritik an der gegenstandslosen Malerei weicht er nie ab. In dem Maße wie Mader seinen eigenen Stil ausprägt, entfernt er sich von der damals öffentlich anerkannten Malerei. Die Entwicklung ist gegenläufig. Eine laute und aufdringliche Kunst, die sich in den folgenden Jahren immer mehr Bahn bricht ist Maders Sache nicht. Er ist vielmehr ein Avantgardist der Stille. Die Instrumente, die die moderne Kunst geschaffen hat, nutzt Mader, um seinem lyrischen Wesen bildhaften Ausdruck zu verleihen.

Kleines Kellerstillleben, 1958

Je mehr er die Natur beobachtet, umso geheimnisvoller erscheint sie ihm: Im Grüngold des Wassers mischen sich Tod und Zeugung; die unschuldige Grausamkeit der Katzen nährt sich von der Schönheit der Kraniche; in der abendlichen Idylle hockt das Verhängnis in einer zerstörten Weidehütte; durch das Balkenwerk des verfallenen Dachstuhls gleitet das Käuzchen im lautlosen Flug. Und immer wieder stellen die Katzen sich ein, wunderbar in ihrer schlanken Grazie, grausam den Raum durchbohrend mit ihrem grünen Blick. Die Natur zeigt sich als große Offenbarung, ihr Gesetz ist nicht das Gesetz der Mathematik, sondern das der Poesie.

Rainer Zimmermann (Kunsthistoriker und Autor des Standardwerks zur Kunst der „Verschollenen Generation“) über die Malerei Maders.

Verlassenes Haus, 1967
Die letzten Jahre

In den letzten Jahren seines Lebens erreicht die wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung verzögert und stark abgeschwächt auch Mader. Sein Leben verläuft zunehmend in wirtschaftlich bescheidenen, aber erträglichen Bahnen. Trotz der materiellen Erholung entgehen ihm nicht die Entwicklungen in der Gesellschaft und im kulturellen Bereich, die ihn oft sehr deprimieren. Sehr genau beobachtet er die modernen Erscheinungen in der bildenden Kunst, wie überhaupt im geistigen Leben. Trost findet er immer wieder im Glauben an Christus, in der Natur, aber auch bei der Lektüre von Büchern. Fast allabendlich sucht er Entspannung bei kleinen Wanderungen an der Amper oder bei Abendandachten in einem nahen Kloster.

Mader in seinem Garten, 1974

(…) Was für mein Empfinden heute weithin fehlt,
ist eine Anfangsergriffenheit den Dingen gegenüber.
Ein Miteinander in Beziehung setzen.
Das intellektuelle Zerteilen und Zusammensetzen
überwiegt heut u. vor allem fehlt die Liebe, meine ich.
Überall wird das Artistische gesehen und in den
Vordergrund gestellt, aber daraus kommt nie eine Kunst, die
umfassender anspricht und den Seelengrund beeindruckt. (…)

Mader an seinen Bruder am 27.08.1952

Abendliche Auenlandschaft, 1974

(…) Manchmal geh ich dann auch ein Stückchen auf der abzweigenden
Straße nach der Wittibsmühle, an die Ihr Euch ja sicher auch
erinnern könnt. Da liegen seitab ein paar Tümpel in den Wiesen u.
an warmen Abenden lausche ich dem Gequak der Laubfrösche,
die dort noch eines der immer seltener werdenden Reviere haben.
Dann kommt mir die Erinnerung an die Jugendtage, an die
Abende in unserm einstigen Wohnzimmer, um dessen Fenster
die Mauersegler ihre jähen Flugspiele trieben, während man aus
weiter Ferne auch den an- und abflauenden Chor der Frösche hörte.
Dazu im Zimmer der Duft der Pfingstrosen aus dem
Huber-Garten! Welch eine unvergessliche Stimmung! – Auch die
Sonntagsausflüge mit den Eltern sind mir oft in lebhafter Erinnerung.
Hinweg durch die grün dämmernden Auen mit Vergißmeinnicht
umblühten Gräben u. dem großen Altwasser, in dem im Frühsommer
das Weiß des blühenden Wasserhahnenfuß wie eine zarte Wolke
lag. Zurück dann am Abend schon in der Dämmerung der Wiesenweg
so voller Zauber mit manchem dunklen Vogelruf aus den Auen u.
dem nun so selten gewordenen Wachtelschlag aus den Feldern. (…)

Mader an seinen Bruder am 08.06.1973

Am 27. Mai 1982 stirbt Joseph Mader.

Auszug aus Maders Gedichtsammlung